Donnerstag, 19.10.2017: LUTZ EICHLER: Die politische Psychologie des Antisemitismus

Die Mehrheit der Deutschen ist der Meinung, Juden hätten an der Wall Street zu viel Einfluss. Warum wollen oder müssen sie so etwas glauben? Warum schreiben sie »Juden« eine derart prominente negative Rolle zu? Der Vortrag möchte den Zusammenhang von Gesellschaft, Psychologie und Antisemitismus erläutern und zeigen, auf welche Weise unangenehme Gefühle wie Angst, Hass, Einsamkeit und Selbstzweifel auf »Juden« übertragen werden.

Lutz Eichler macht zurzeit eine Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten.

Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1

(zwischen Schranne und Kaulberg)

Beginn: 20:00

Eintritt: frei

Donnerstag, 06.07.2017: EVI TRUMMER: Orange is the New Black. US-Gefängnisse in der Tradition der Sklaverei

Die netflix-Serie »Orange ist the New Black« avancierte in den letzten Jahren zur feministischen Klassikerin. Der fiktive Frauen*knast irgendwo in den USA zeigt so viele unterschiedliche und vielschichtige Frauen*charaktere wie keine Serie zuvor. Zu sehen sind Frauen* aller Körperformen, Altersklassen, Hautfarben, Lebens- und Liebeslagen in komplexen Charakterzeichnungen. Die Darstellung des Knastlebens hat aber auch eine sehr reale Komponente – dargestellt wird ein Justizvollzug, der nicht das Ziel der Rehabilitation hat, sondern dem Selbsterhalt des Systems dient. Die gedemütigten Insassinnen*, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird; das Grauen der Isolationshaft; die sozialen Hintergründe, die zur Haft führen – all das verdeutlicht, wie die Mechanismen der Sklaverei unter dem Deckmantel des Strafvollzugs weiterleben. Die in Europa sowie den USA kaum medial wahrgenommen Gefängnisstreiks im September 2016 waren Ausdruck dieser Verhältnisse. Durch Arbeitsniederlegung und Hungerstreiks protestierten Inhaftierte und Personal gegen die Missstände in US-Gefängnissen.

Evi Trummer stammt aus Franken und ist nach Aufenthalten in Großbritannien, Wien und Leipzig nun wieder zurückgekehrt. Sie ist Lehrerin, kann die feministische Brille nicht mehr ablegen und ist nur noch mit Panda Videos zu beruhigen.

Freitag, 30.06.2017: ROBERT ZIEGELMANN: »Das Herz in Ketten gelegt«. Der Protestantismus und die Dialektik der Verinnerlichung

»Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat«. So bringt Marx die bis heute gültige Kritik am Protestantismus auf den Punkt. Die strikte Verinnerlichung religiöser Gebote kann als spezifisch protestantischer Beitrag nicht nur zum modernen Autoritarismus, sondern auch zum Antisemitismus betrachtet werden. Anlässlich des allgegenwärtigen Reformationsjubiläums ist diese Kritik einerseits zu bekräftigen: Die protestantische Dynamik von Schuldbewusstsein und Strafbedürfnis hat eine Affinität zum Nationalsozialismus, wo nicht primär im Affekt oder auf Befehl gemordet wurde, sondern planvoll und aus innerer Überzeugung. Ebenso aktuell ist aber, was Marx dem obigen Satz anfügt: »wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung war, so war er die wahre Stellung der Aufgabe«.

Robert Ziegelmann lebt in Frankfurt, lehrt in Heidelberg und promoviert in Philosophie. Schwerpunkt seines Interesses ist die Kritische Theorie in ihrem Verhältnis zur Religion und zur klassischen deutschen Philosophie.

Donnerstag, 22.06.2017: SIMON DUDEK / THOMAS MÜLLER: Ihr wollt Fußball so wie früher? Kritik der politischen Ökonomie des postmodernen Fußballs

Anfang 2017 riefen die Ultras von Borussia Dortmund anlässlich eines Heimspiels gegen den RB Leipzig zur »Bullenjagd« auf. Anhänger_innen der gegnerischen Mannschaft wurden mit Steinen und Pyrotechnik attackiert. In der BVB-Fankurve waren Spruchbänder wie »Für den Volkssport Fußball – gegen die die ihn zerstören« zu sehen. In all dem erkennen wir eine Verzweiflung angesichts der spätkapitalistischen Vergesellschaftung, die in ihrer Regression eines konkreten Stellvertreters bedarf. Im Vortrag soll ihr eine historisch-materialistische Analyse des Profi-Fußballs entgegenstellt werden. Insbesondere soll dabei auf die Zeitschrift 11Freunde eingegangen werden, die sich die Wahrung des »echten Fußballs« auf die Fahnen geschrieben hat.

Simon Dudek war lange Jahre Sturmtank des Fußballteams der Freien Uni Bamberg. Thomas Müller galt als vielversprechendster Jugendspieler mit dem Namen Thomas Müller, entdeckte dann aber Bier für sich und ließ daher Thomas Müller den Vortritt.

Donnerstag, 08.06.2017: RAFAEL SELIG: German Gedenken

»So Nazi war unser Zoo«, titelt der Berliner Boulevard im Dezember 2016, und nicht nur die Großstadtpresse musste feststellen, dass auch altehrwürdige Einrichtungen wie der Berliner Zoo eine nationalsozialistische Vergangenheit haben. 1938 zwangen die Nazis die 1.500 jüdischen Zoo-Aktionär_innen, ihre Anteile billig zu verkaufen. In der bundesdeutschen Hauptstadt wurde diese Enteignung bisher nicht öffentlich zur Kenntnis genommen. Aufgrund der Recherchen der Historikerin Monika Schmidt hat der Zoodirektor nun versprochen, sich der »dunklen Seite der Geschichte« zu stellen, und der Berliner Senat hat eine sechsstellige Summe für die Wiedergutmachung bewilligt, allerdings nicht zur finanziellen Entschädigung, sondern für eine Ausstellung sowie ein »Fellowshipprogramm zur Stärkung des wissenschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Israel«, weil »im Zentrum der Wiedergutmachung […] heute nicht individuelle Restitution, sondern öffentliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit« stünde. Diese Erklärung des Senats trifft den Kern des »German Gedenkens«. Als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister kennt Deutschland die Opfer des Nationalsozialismus nur als Ausstellungsstücke, die von den Täter_innen arrangiert werden, um als geläuterte Sünder_innen den moralischen Mehrwert abzuschöpfen.

Rafael Selig ist Student der Geschichtswissenschaften und in verschiedenen Initiativen aktiv, die sich mit der aktuellen deutschen Gedenkpolitik beschäftigen.

 

Donnerstag, 18.05.2017: CHRIS W. WILPERT / ROBERT ZWARG: Destruktive Charaktere. Hipster und andere Krisenphänomene

Als das deutsche Feuilleton vor einigen Jahren den »Hipster« entdeckte, schien es, als hätten sich alle Entwicklungstendenzen und Charakteristika der Gegenwart in einem einzigen Sozialtypus verdichtet. Niemand wollte Hipster sein, doch alle wussten ihn zu erkennen: Ausstaffiert mit den typischen modischen Accessoires, omnipräsent in der virtuellen Welt von tumblr und facebook, gefürchtet und gehasst in Szeneklubs und -vierteln, wurde der Hipster zum bevorzugten Objekt von Analyse und Spott. Er galt als der destruktive Charakter par excellence. Inzwischen haben sich Phänomen und Diskurs weitgehend entkoppelt. Das Erscheinungsbild des Hipsters ist ins Allgemeinwissen übergegangen, und der Spott über ihn ist so unmittelbar abrufbar wie leidenschaftslos geworden. Bloß für sich genommen wäre der Hipster keine Vorträge mehr wert. Als überraschend beharrliches Symptom eignet er sich jedoch als Ausgangspunkt einer kritischen Analyse jener Ideologien und kulturellen Verwerfungen, die ihn beständig hervorbringen und die weit über ihn hinaus wirksam sind. Die anhaltende Auflösung vormaliger Analyse- und Ordnungskategorien wie Klasse, Geschlecht und Geschichte sowie die Umbrüche im Bereich der Öffentlichkeit, der Kultur und der Wissensproduktion manifestieren sich auch in anderen, neuen Sozialtypen. Hipster sind ein Krisenphänomen, das auf die Veränderung der Arbeitsverhältnisse, die Erosion des Bürgertums, die Verschiebung geschlechtlicher Identitäten, die Krise der Kunst und der politischen Urteilskraft reagieren.

Chris W. Wilpert ist Literaturwissenschaftler, Robert Zwarg ist Philosoph. Gemeinsam haben sie in der Zwergobst-Reihe des Ventil Verlags den Sammelband Destruktive Charaktere veröffentlicht.

DONNERSTAG, 11.05.2017: OLE NICKEL: Kritik der pseudomedizinischen Ideologie

Egal ob Traditionelle Chinesische Medizin, Homöopathie, »Miracle Mineral Supplement«, Germanische Neue Medizin oder anderes: Der Markt abseits der wissenschaftlichen Medizin bietet eine schier unendliche Fülle an alternativen Heilmethoden. Was aber reizt eine immer größere Zahl an Menschen an dieser meist wirkungslosen, oft schädlichen Pseudomedizin? Was bringt selbst studierte Ärzte dazu, an eine »Impf-Lüge« zu glauben? Der Vortrag möchte ausgewählte pseudomedizinische Methoden vorstellen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten und den Versuch einer ideologiekritischen Deutung unternehmen.

Ole Nickel studiert Medizin an der Universität Würzburg und war längere Zeit in Krankenpflege und Rettungsdienst tätig. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Kritischer Theorie und Kommunismus.

Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1 (zwischen Schranne und Kaulberg)

Beginn: 20:00

Eintritt: frei

DONNERSTAG, 27.04.2017: DAN H.: Young Soul Rebels. Die Verflechtung von Ideologie und Unterhaltungsmusik

Dem Begriff der »Seele« haftet immer etwas Mythisches an. Eine Musikrichtung, die den empathischen Namen »Soul« trägt, ist damit vielleicht prädestiniert gewesen, in vielerlei Hinsicht und in vielen Fällen Trägerin eines falschen Bewusstseins zu werden – wenn Hollywood als »Fabrik der Träume« bezeichnet wird, dann war Hitsville USA die Ideologiefabrik: von der Beschäftigung mit Rassismus, der Rolle für die Bürgerrechtsbewegung der 1960er, über die bereits immer vorhandene, aber in den 1970ern besonders betonte, schwarze Identitätspolitik, bis hin zum Hedonismus der Disco-Ära, der aufgrund der Bedingungen im globalen Kapitalismus nicht anders konnte, als zu einer Form der Betäubung zu werden.

Trotz alledem ist Soul in ihrem Facettenreichtum eine der bedeutendsten und prägendsten Richtungen internationaler Musik. Sie hat Plattenfirmen wie Motown und Stax Records Milliarden eingebracht und ein Milliardenpublikum inspiriert. Dieser Vortrag soll einen Einblick in die Welt der wohl schönsten Flucht ins Private geben.

Dan H. ist Student, Mitglied bei der Hochschulgruppe SPME der Universität Potsdam, leidenschaftlicher Soul-Fan und DJ. In Kooperation mit Soulshakers Bamberg – weekender #12

Ort: Balthasar, Balthasargäßchen 1

(zwischen Schranne und Kaulberg)

Beginn: 20:00

Eintritt: frei

 

Donnerstag, 02.02.2017: FREDERIK WILHELMI: Bad Moms Rising Eltern, Kinder, Risiko

02 02 WILHELMI

Wenn es um Kinder geht, haben die meisten Menschen Angst, etwas falsch zu machen. Gleichzeitig maßen sich viele Leute an, die Elternschaft anderer von der Empfängnis an kontrollieren und bewerten zu wollen. Obwohl westliche Länder nach allen möglichen Indizes sicherer, das Essen gesünder und Schulen immer besser werden, scheint die Angst um das Wohlbefinden der Kinder zu wachsen. Die irrationale Bewertung von Risiken vermischt sich mit moralischen Urteilen über Eltern, insbesondere über Mütter. Sie stehen im Kontext von Gleichberechtigung, Angst um den sozio-ökomischen Status und Elternschaft als Performance. Der Vortrag wird die Geschichte und die moderne Entwicklung des Phänomens »Elternangst« sowie ihre gesellschaftlichen Ursachen und Ergebnisse betrachten. Im Zentrum steht die Frage: Was sind die praktischen und prinzipiellen Grenzen des Kinderschutzes?

Frederik Wilhelmi arbeitet seit 2014 an einer Promotion zum Thema Kinderrechte. Er würde gerne mehr Gifs mit Baby-Ottern und/oder Roten Pandas geschickt bekommen.

Donnerstag, 26.01.2017: SEBASTIAN BAUER: Die Wiedergeburt des Rassenantisemitismus aus dem Geiste des Poststrukturalismus

27 01 BAUER

Seit einigen Monaten mehren sich Beiträge (zuletzt v. a. in der Jungle World), die sich kritisch mit Critical Whiteness auseinandersetzen. Ein üblicher Einwand gegen sie besteht darin, die praktischen Auswüchse als Verzerrung eines an sich emanzipativen Ansatzes von diesem abzuspalten. Bestimmte Praktiken Critical Whiteness inspirierter Gruppen hätten in dieser Lesart nichts mit der zugrunde liegenden Theorie zu tun. In dieser Form der Krisendiplomatie bleibt jedoch eine grundsätzliche Kritik unberücksichtigt, wodurch sich dann auch die Auseinandersetzung mit der unschönen Praxis erledigt hat. Am Umgang der Weißseinskritischen mit Kritik zeigt sich eine wichtige diskursive Funktion der Critical Whiteness: die Selbstimmunisierung gegen Kritik von außen, die Hand in Hand geht mit Formen autoritärer Disziplinierung nach innen. Beides macht Critical Whiteness zum Instrument für regressive Ideologien innerhalb der Linken. Aktuelle Vorfälle in Mainz und Köln können den Blick dafür schärfen, inwieweit Critical Whiteness als Türöffnerideologie fungiert.

Sebastian Bauer ist autonomer Referent im AStA der Universität Mainz, engagiert sich gegen Antisemitismus an deutschen Hochschulen und referiert sonst zum strukturellen Antisemitismus der antifeministischen Männerrechtsbewegung.

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